Via Francigena Trip - 1’300km, tausend Eindrücke und ein Fazit
Die zentrale Frage: Hat unser Via Francigena Trip die Erwartungen erfüllt? JA, sogar übertroffen!
Auf dieser Karte sieht man die 14 Etappen vom Startort Orsière aus, bis nach Rom! Etwas weiter nördlich die 3 letzten Etappen von Verona bis Innsbruck (Bolzano - Brenner per Zug). Ausserdem findet man ganz unten auf diesem Bild ein paar statistische Werte (km, Höhenmeter, Durchschnittsgeschwindigkeit und Zeit).
Rund 1’300 Kilometer auf unseren Gravelbikes, von den Schweizer Alpen über den Grossen St. Bernhard bis nach Rom und anschliessend wieder nordwärts. Zwei Menschen, zwei Velos und unzählige Erlebnisse!
Unsere Bikepacking-Reise entlang der Via Francigena hatte alles zu bieten: atemberaubende Landschaften, kulinarische Höhenflüge, herzliche Begegnungen, aber auch ruppige Schotterpisten, kleine Pannen und einen Schreckmoment.
Hat die Reise unsere Erwartungen erfüllt? Und wie! 😍
Zeit für eine persönliche Bilanz mit Highlights, einigen kritischen Anmerkungen, Zahlen und überraschenden Erkenntnissen.
1. Ein Pilgerpass öffnet Türen – sogar im Vatikan!
Das wohl überraschendste Erlebnis erwartete uns am Ziel in Rom.
Mit unserem Pilgerpass meldeten wir uns am Petersplatz, um unser Testimonium, die offizielle Pilgerurkunde, abzuholen.
Während Hunderte Touristen für den Petersdom anstanden, durften wir mit unserem Pilgerpass die Warteschlangen umgehen. Wir erhielten den letzten Stempel, unterschrieben unsere Urkunde und wurden offiziell fotografiert.
Anschliessend ging's ohne langes Anstehen direkt in den Petersdom!
Besonders beeindruckte uns eine Niederländerin, die von Canterbury bis Rom gepilgert war – zu Fuss, während drei Monaten! Da kamen uns unsere gut 1’000 Kilometer auf dem Velo plötzlich ziemlich bescheiden vor. 😅
2. Viterbo – wenn eine Papstwahl 1005 Tage dauert
Unser Ruhetag in Viterbo entpuppte sich als kultureller Glücksfall. Nach dem Tod von Papst Clemens IV. benötigten die Kardinäle unglaubliche 1005 Tage, um einen Nachfolger zu wählen! Den Bürgern wurde das irgendwann zu bunt. Sie schlossen die Kardinäle ein und reduzierten der Überlieferung nach sogar deren Verpflegung auf Brot und Wasser. Fast drei Jahre für eine Wahl – dagegen erscheinen unsere Schweizer Abstimmungen geradezu blitzschnell! 😂
Im Palazzo dei Papi erfuhren wir während eines Museumsbesuchs mit Audioguide und VR-Brille viel über diese Geschichte.
3. Toscana – Bilderbuchlandschaft mit kleinen Tücken
Sanfte Hügel, Zypressenalleen, mittelalterliche Dörfer und natürlich die weltberühmten Strade Bianche – die Toscana war landschaftlich zweifellos einer unserer Höhepunkte.
Allerdings haben wir gelernt, dass zwischen romantischem Gravel und der Realität ein Unterschied bestehen kann.
Was für mich als Gravelbiker ein Vergnügen ist, muss Beatrice nicht gleichermassen begeistern. Besonders dann nicht, wenn die Wege steil oder ausgewaschen sind.
Also wurde die Route gelegentlich angepasst.
Eine gemeinsame Radreise soll schliesslich beiden Spass machen
4. Von den Alpen ans Meer – in einer Woche!
Eine Woche zuvor waren wir noch auf dem Grossen St. Bernhard auf rund 2’400 Metern unterwegs. Dann folgten das Aostatal, die Reisfelder des Piemonts, die Po-Ebene und die Überquerung des Apennins.
Und plötzlich standen wir in Marina di Massa am Mittelmeer!
Natürlich gönnten wir uns einen Ruhetag mit einem erfrischenden Bad.
Genau das fasziniert mich am Radreisen: Man erlebt die Veränderungen von Landschaft und Klima Kilometer für Kilometer.
5. Unterkünfte – immer wieder positive Überraschungen
Wir übernachteten in kleinen Hotels, B&Bs und wunderschönen Appartements.
Besonders begeistert waren wir von den geschmackvoll renovierten Wohnungen in historischen Gebäuden.
In San Filippo erhielten wir für 100 Euro ein zweigeschossiges Appartement mit rund 100 Quadratmetern. In Viterbo wurden wir kostenlos auf eine grössere Wohnung umgebucht, damit unsere Velos sicher untergebracht werden konnten. Sogar eine Sauna gab's dazu!
Gastfreundschaft hat eben nicht unbedingt etwas mit Hotelsternen zu tun.
6. Italien – ein kulinarisches Paradies!
Pasta, Pizza, Risotto, Gnocchi, Tortellini und unzählige Köstlichkeiten zum Aperitivo. Wir haben uns quer durch die italienische Küche gegessen – und es genossen! Dazu ausgezeichnete lokale Weine, interessante Biere und gelegentlich ein feiner Grappa.
Auch in kleinen, unscheinbaren Restaurants kann man hervorragend essen. Google-Bewertungen sind dabei nicht immer der beste Ratgeber.
Nach zwei Wochen italienischer Küche bekam ich in Bozen allerdings Lust auf ein Wienerschnitzel. Und auch das war ausgezeichnet! 😋
7. Begegnungen – das Salz in der Suppe
Unvergesslich bleibt unser Besuch bei Maura und Josy in ihrem Stone House bei Lucca. Ein gemütlicher Abend mit Freunden, gutem Essen und Wein.
Auf dem Rückweg trafen wir Matthias, einen Cousin von Beatrice, auf dem Etsch-Radweg. Dank Strava und WhatsApp konnten wir uns trotz entgegengesetzter Fahrtrichtung treffen. Matthias erkundet bereits Strecken für das NorthCape4000 im nächsten Jahr.
8. Das Wetter – ein unglaublicher Glücksfall!
Während unserer gesamten Fahrt von der Schweiz bis Rom wurden wir auf dem Velo kein einziges Mal verregnet!
Erst am Abend unserer Ankunft in Rom, als wir gemütlich im Restaurant sassen, öffnete der Himmel seine Schleusen.
Auch auf dem Rückweg profitierten wir von unserer flexiblen Planung. Als sich Regen über der Po-Ebene ankündigte, nahmen wir den Zug von Bologna nach Verona und radelten bei schönem Wetter weiter Richtung Südtirol.
Radreisen ohne fixen Etappenplan hat eben seine Vorteile!
9. Italienische Autofahrer – eine erfreuliche Überraschung
Wir erlebten die italienischen Autofahrer als ausgesprochen respektvoll gegenüber Radfahrern.
Selbst auf stark befahrenen Strassen warteten die meisten geduldig, bis sie mit genügend Seitenabstand überholen konnten.
Insgesamt haben wir uns erstaunlich sicher gefühlt.
Da könnten sich manche Schweizer Autofahrer eine Scheibe abschneiden!
10. Navigation – MapOut und Hammerhead Karoo
Meine wichtigsten digitalen Begleiter waren die Karten-App MapOut auf dem iPhone und mein Hammerhead Karoo am Lenker.
Mit MapOut konnte ich flexibel planen und Alternativen suchen. Der Karoo führte uns zuverlässig über die geplanten Strecken.
Diese Kombination war Gold wert!
Allerdings gilt: Nicht alles, was auf einer digitalen Karte als Veloweg eingezeichnet ist, verdient diese Bezeichnung!
Wo nicht alles rundlief
Der Sturz von Beatrice – unser grösster Schreckmoment
Auf der Etappe von San Filippo nach Viterbo rutschte Beatrices Vorderrad auf grobem, losem Kies weg. Sie stürzte heftig.
Ich war rund 100 Meter voraus und bemerkte zunächst nichts. Erst als ich sie im Rückspiegel nicht mehr sah, kehrte ich um und fand sie weinend am Boden.
Ein Schreckmoment!
Zum Glück blieb es offenbar bei schmerzhaften Schürfungen und Prellungen, besonders an den Händen und am linken Handgelenk.
Nach der Wundversorgung schoben wir die Velos rund zwei Kilometer bis zur nächsten Asphaltstrasse.
Ab jetzt keine schlechten Schotterpisten mehr!
Manche als Velorouten ausgewiesenen Wege in Italien sind in einem miserablen Zustand. Für gewöhnliche Radreisende mit Gepäck sind solche Strecken schlicht ungeeignet.
Overtourism – Italien am Anschlag?
Besonders in Lucca und Rom waren die Menschenmassen kaum zu glauben.
Wir hatten Rom vor rund 15 Jahren mit unseren Kindern besucht. Der Unterschied zu heute war gewaltig!
Die touristischen Übernachtungszahlen haben sich seither ungefähr verdoppelt, wobei die historischen Zahlen nur bedingt vergleichbar sind.
Natürlich sind auch wir Teil dieses Tourismus.
Trotzdem stellt sich die Frage, wie lange diese Entwicklung noch gut gehen kann. Die Einheimischen profitieren wirtschaftlich, müssen aber auch mit den negativen Auswirkungen leben.
Vielleicht wäre weniger manchmal tatsächlich mehr.
Bologna – wenn Velos plötzlich teuer werden
In unserem Hotel in Bologna sollten wir für zwei Nächte 40 Euro für die Unterbringung unserer Velos bezahlen!
So etwas hatten wir auf unseren Radreisen noch nie erlebt. Bei der Buchung war kein entsprechender Hinweis ersichtlich.
Nach mehreren Interventionen fanden wir eine gütliche Lösung: Wir bezahlten 10 Euro, den Rest übernahm das Hotel.
Die professionelle Reaktion der Hoteldirektorin möchten wir ausdrücklich positiv erwähnen.
Unsere Reise in Zahlen
Gesamtdauer - 24 Tage
Veloetappen - 17
Gefahrene km - knapp 1'300km
Höhenmeter - rund 10'000Hm
Hauptziel - Rom - Via Francigena
Rückreise Zug - über Trentino, Südtirol, Innsbruck, Zürich, Rheinfelden
Zugkosten mit 2 Velos - rund CHF 450.-
Wetter - Kein Regen während den Veloetappen!Kleine Pannen gehören dazu
Auch unsere Velos blieben nicht ganz verschont.
Bei Beatrices E-Gravel mussten wir die vorderen Bremsbeläge wechseln, später einen platten Vorderreifen reparieren. Beim Sturz ging ein Bidonhalter zu Bruch.
Dazu kamen Probleme mit den SRAM-Akkus und meiner elektronischen Schaltung.
Alles ärgerlich, aber nichts, was unsere Reise ernsthaft gefährdete.
Zug und Velo – eine Kombination, die überzeugt
Die Anreise von der Nordwestschweiz ins Wallis absolvierten wir mit dem Zug.
Nach 14 Veloetappen bis Rom nutzten wir für die Rückreise teilweise wieder die Bahn. Von Rom ging's nach Bologna, später nach Verona. Anschliessend radelten wir in drei weiteren Etappen bis Innsbruck.
Von dort brachte uns der Railjet nach Sargans und die SBB zurück nach Hause.
Besonders beeindruckt hat mich die Pünktlichkeit der Züge – auch in Italien!
Bei Trenitalia kostete eine Velotageskarte gerade einmal 3.50 Euro.
Für sämtliche Zugfahrten inklusive unserer beiden Velos bezahlten wir zusammen rund 450 Schweizer Franken.
Das finde ich bemerkenswert! Zug und Velo ergänzen sich hervorragend. Man kann längere Abschnitte überbrücken, auf das Wetter reagieren und die Reise flexibel gestalten.
Was bleibt von unserer Via Francigena?
Was bleibt, sind nicht in erster Linie die Zahlen.
Es sind die Erinnerungen an die Alpen, die Reisfelder des Piemonts, die Zypressenalleen der Toscana, das erste Bad im Mittelmeer und natürlich unsere Ankunft in Rom.
Aber auch die Begegnungen, die Hilfsbereitschaft vieler Gastgeber, das gemeinsame Lachen und die Herausforderungen, die wir zusammen gemeistert haben.
Genau deshalb liebe ich diese Art des Reisens.
Mit dem Velo ist man weder zu schnell noch zu langsam unterwegs. Man spürt den Wind, die Temperatur, die Steigungen und die Veränderungen der Landschaft. Man erlebt Menschen und Kultur viel unmittelbarer als aus einem Auto oder Zug.
Und das Schönste: Man braucht weder ein Flugzeug noch eine Reise ans andere Ende der Welt.
Die grossen Abenteuer beginnen manchmal fast vor der eigenen Haustüre.
Unsere Via Francigena war eine wunderbare gemeinsame Erfahrung.
Und eines steht bereits fest:
Beatrice und ich werden ganz bestimmt wieder gemeinsam auf Bikepacking-Tour gehen! 🚴♂️❤️🚴♀️
Arrivederci Italia – grazie di tutto! 🇮🇹
Die Velos stehen in Innsbruck bereit zur Rückreise per RAILJET in die Schweiz
Mein Gepäck - links die “Arschrakete” von Revelate, rechts die Lenkerrolle von GRAMM
gut organisiert!
Die Cocoon Bags sind super praktisch fürs Bikepacking!